Patriarchat

„In einer umfassenderen Bedeutung meint Patriarchat die Manifestation und Institutionalisierung der Herrschaft der Männer über Frauen und Kinder innerhalb der Familie und die Ausdehnung der männlichen Dominanz über Frauen auf die Gesellschaft insgesamt.“ (Gerda Lerner)

Es handelt sich um ein System, das in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Gestalten annimmt, sich im Laufe der Geschichte verändert und mit dem wir es seit ca. 6000 Jahren zu tun haben.

Patriarchat und die Kritik daran

Text von Steffanie Müller

Patriarchatskritik ist eine logische und notwendige Folge des Erkennens, was in den letzten Jahrtausenden geschehen ist, welche Ursachen und Auswirkungen es hat und welche Fülle von Informationen uns unterschlagen wurde und immer noch wird.

Ursprünglich, d.h. in dem sehr langen Zeitraum von fast einer halben Million Jahre, lebten Menschen ganz bio-logisch (menschenartgerecht) in Sippen. Dort standen die Mütter im Zentrum und alle wirkten zusammen, um das Überleben der Art zu sichern. Professor Joachim Bauer (Arzt und Evolutionsforscher) sagt, dass „die wirklich intrinsischen Kernkräfte der Biologie in Kooperation und Kommunikation bestehen“. Somit standen Mütter nicht alleine, Kinder wurden von allen versorgt und Vaterschaft war gar kein Thema. Alle waren gleichwertig, Herrschaft und Besitz (Land, Tiere, etc.) gab es nicht, somit auch keine Unterdrückung oder Kriege.

Wir können uns aus unserem Heute, in das wir jetzt Lebenden ja durch patriarchales Aufwachsen gekommen sind, nicht wieder in den matrifokalen Sippenzusammenhang und das Leben als Wildbeuterinnen beamen. Wohl können wir uns auf die Wurzeln besinnen, die Unterschiede erkennen, können anschauen, wovon wir abgeschnitten wurden.

Zukunft braucht Vergangenheit – um vom Heute aus etwas zu verändern, brauchen wir das Wissen über das, was gewesen ist.

Viele Menschen, meist Frauen, fühlen, dass vieles ganz verkehrt ist. Oft reagieren sie dann damit, den Fehler bei sich zu suchen, versuchen, sich der Gesellschaft, d.h. dem Patriarchat, anzupassen.

Selbstfindung, Feminismus, Esoterik, Friedensbewegung – alle haben anfangen, die Finger nach den darunterliegenden Wahrheiten auszustrecken. Ohne den historischen Unterbau, ohne die radikal erlebte Erkenntnis der „Beschneidung“ kommen diese Bestrebungen nicht weit. Sie verflachen im Kampf gegen einzelne patriarchale Symptome und münden schmerzlicherweise meist in Methoden, mit denen PatriarchatsgewinnlerInnen das System erweitern.

Es ist die Sache jeder Einzelnen, sich die Arbeit des Erkennens, Begreifens, Informierens zu machen und mit der schmerzhaften Einsicht zurechtzukommen, dass unser ganzes Leben vom Patriarchat durchdrungen ist und wir in der gesamten „Bildung“ nichts darüber erfahren. *)

So wie die Sprache Frauen unsichtbar macht, finden wir in der Geschichte z.B. bei den Hexenverfolgungen einen gnadenlosen Akt der Ausmerzung. Weise Frauen, die die letzte Anknüpfung an die Vermittlung von Wissen und Lebensart darstellten, wurden radikal vernichtet. Noch Hildegard von Bingen lernte von weisen, wilden Waldfrauen!

Wir alle sind nun einmal in diesem patriarchalen Kontext aufgewachsen und gerade für die mit liberalen, feministischen, alternativen Eltern ist es schwer zu verarbeiten, dass auch diese Lebensweisen sehr angepasst sind und durchdrungen vom Stockholm Syndrom – der Anpassung an das Patriarchat, um zu überleben.

Patriarchatskritik ist Systemkritik, nicht Männerfeindlichkeit, sie ist die Kritik an einem für alle Menschen schädlichen, toxischen System.

*)Nicht nur, dass die längste Zeit der Menschheitsgeschichte immer noch unterschlagen wird, es werden auch die Tatsachen verfälscht. So werden die Steinzeitmenschen immer noch überwiegend männlich dargestellt, Frauen kommen nur im Hintergrund der Bilder vor, meist mit Kind. Aktiv werden nur Männer gezeigt. Dem widersprechen die Tatsachen: Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass die Höhlenmalereien überwiegend von Frauen stammen. Sämtliche Figurinen, die Frauen darstellen, zeigen diese ohne Kind. Auch in der neueren Geschichte fehlen Informationen über Frauen: Wo sind die Künstlerinnen, Philosophinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen, etc. in Schule und Studium?