Sexualität

Die weibliche Sexualität zurückerobern

Text von Rona Duwe

Unter der sehr wichtigen #metoo-Debatte zu systemimmanenter, sexualisierter Gewalt gegen Frauen liegt verdeckt und verborgen ein wunderbarer Schatz: Die unbändige Kraft der freien, weiblichen Sexualität. Ich hatte dazu vor einigen Tagen eine Facebook-Diskussion angeregt, die begeistert angenommen wurde. Mir ist dabei klar geworden: Das ist ein wichtiges Thema.

Wir schreiben über Gewalt und Unterdrückung von Frauen. Dabei fragen wir nicht tiefer, warum das so ist, warum überwiegend Frauen derart gewaltsam in ihrer Körperlichkeit angegangen und degradiert werden und warum alles, was die menschliche und besonders die weibliche Sexualität ausmacht, damit pervertiert wird (z.B. über Prostitution und Porno).

Genau an dieser Stelle wird deutlich, dass wir – auch wenn manche meinen, es wäre nicht mehr so – nach wie vor in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen leben. Ein wesentliches Ziel des Patriarchats ist es, Kontrolle über die weibliche Sexualität zu erlangen und diese zu halten. Dies dient insbesondere dazu, den weiblichen Körper auf ganz verschiedenen Ebenen zu instrumentalisieren.

Ganz besonders dient es dazu, Kontrolle über die Gebärfähigkeit von Frauen ausüben zu können und die von Frauen geborenen Kinder zu vereinnahmen.
Darüberhinaus dient es ebenfalls dazu, den weiblichen Körper als Befriedigungs-Maschinerie für Männer funktionsfähig und verfügbar zu halten.
Und obendrein dient es dazu, weibliche Sexualität in eine reine Zweckerfüllung einzuzwängen, die darin liegt, fruchtbar zu sein und der Gesellschaft Kinder zu schenken.
Die Verantwortung für die Kinder wird wiederum größtenteils den vereinzelten und isolierten Müttern als überfordernde Aufgabe allein überlassen – ohne entsprechende Unterstützung, Anerkennung oder gar Bezahlung dieser gesellschaftlich herausragend wichtigen Leistung.

Was Frauen wollen, wie freie, weibliche Sexualität sich darstellt, wie lustvoll und lebendig und zweckfrei sie daherkommen kann, gerät darüber in Vergessenheit.

Einerseits haben wir zwar inzwischen die Möglichkeit, Empfängnis zu verhüten. Einen hohen Preis dafür zahlen aber auch hier wiederum vor allem die Frauen, die über Jahre Hormone schlucken oder implantieren mit häufig negativen Folgen.
Einerseits fördert der Staat Geburten. Andererseits wird Frauen die Bestimmung über ihren Körper und eine optimale Betreuung vor, während und nach der Geburt immer weiter beschnitten. Ganz besonders wird ihnen dabei ihr Gefühl für die Kraft ihres Körpers genommen.
Einerseits haben sich Frauen angeblich schon längst sexuell befreit. Andererseits erfahren Frauen, die ihre Sexualität offen frei leben, nach wie vor massive gesellschaftliche Ächtung.
Einerseits wird das Tabu rund um die Menstruation von Frauen immer weiter aufgeweicht. Andererseits darf Frau und Menstruation kaum noch gemeinsam genannt werden. Stattdessen sollen wir nun „menstruierende Personen“ sagen und machen damit ein spezifisches Merkmal weiblicher Körperlichkeit wieder unsichtbar.
Einerseits reden wird von körperlicher Vielfalt. Andererseits werden nach wie vor besonders Frauen optimierte Körperbilder auferlegt. Die immense Vielfalt weiblicher Körperlichkeit wird immer wieder in die Unsichtbarkeit gedrängt.

Wenn wir nun zurückgehen in die Frühzeit des Menschen, sehen wir uns auf einmal mit einer immensen Vielfalt weiblicher Körperlichkeit und Sexualität konfrontiert. Der weiblich-mütterliche Körper wird in allen erdenklichen Varianten dargestellt und erscheint präsent, lustvoll und kraftvoll. Dabei spielt insbesondere auch die Vulva eine entscheidende Rolle und taucht immer und immer wieder auf. Diese so offenliegende weiblich-sexuelle Körperlichkeit führte dazu, dass die männlich dominierte Archäologie diese Darstellungen u.a. als Pin-Ups fehlinterpretierte. Dabei zeigen die Art der Darstellung und auch die Art und Beschaffenheit der Fundorte und anderer Fundstücke, dass es sich um den Menschen heilige Figuren und Themen handelte. Weibliche Sexualität und Mütterlichkeit war heilig, weil aus der Frau und aus den weiblichen Tieren die Kinder geboren wurden.

Was außerdem auffällt ist, dass die Frauen- und Mutterdarstellungen sehr lange Zeit gänzlich ohne Kinder auskommen. Das Frauen- und Mutterbild muss also insgesamt ein völlig anderes gewesen sein, als das, das wir heute kennen. Eine Frau war als Mutter nicht nur etwas wert, wenn sie ein Kind geboren hatte. Ihr Wert wurde nicht über den sichtbar dargestellten geborenen Sohn bestimmt, wie später bei den Mariendarstellungen. Diese Legitimation brauchte sie nicht. Sie war für sich, in ihrer vielfältigen Körperlichkeit und Präsenz und mit den Fähigkeiten ihres Körpers ausreichend, geschätzt und sogar heilig. Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers als fruchtbare Gebärmaschine oder als verfügbares Erregungs- und Sexspielzeug für Männer ist eine „Erfindung“ des Patriarchats und hat mit der ursprünglichen Sexualität des Menschen sehr wenig zu tun. Gerade aus diesem Grund ist die Interpretation der Gott MUTTER Darstellungen als Pin-Ups oder Spielzeug entlarvend für die patriarchale Ausrichtung der Archäologie. Ich möchte das mal so frech formulieren: Sie haben einfach nicht richtig hingesehen und mit ihrer Brille, die von Porno geprägt ist, interpretiert. Die frauenfeindliche und fraueninstrumentalisierende Haltung wird darin deutlich sichtbar. Diese Haltung gab es ganz offensichtlich in der Steinzeit nicht.

Wir können davon ausgehen, dass Sexualität in der Frühzeit des Menschen losgelöst von Fortpflanzung gesehen wurde. Es war nicht wirklich klar, dass durch Sex eine Schwangerschaft und in Folge ein Kind entsteht. Der sexuelle Akt war (und ist) – im Gegensatz zu Schwangerschaft und Geburt – ein sehr kurzer Zeitraum. Wenn wir uns vorstellen, dass Sexualität von Fortpflanzung entkoppelt war, können wir uns weiter vorstellen, dass dadurch die Aufladung von Sex als etwas extrem bedeutsames, wichtiges nicht vorhanden war. Es wird wahrscheinlich eher wie die Befriedigung anderer elementarer menschlicher Bedürfnisse wie Hunger, Müdigkeit, Durst gehandhabt und gesehen worden sein. Die Menschen gingen diesem Bedürfnis nach, interpretierten aber kein größeres Etwas oder gar etwas Heiliges in den sexuellen Akt hinein. Es war keine „heilige Pflicht“, wie in der heutigen christlichen Ehe. Es war eine lustvolle, freudvolle Beschäftigung – nicht mehr und nicht weniger. Auch „Liebe“ war wahrscheinlich nicht mit Sex gekoppelt. Menschliche Zuwendung, Zärtlichkeit und die für den Menschen lebensnotwendige Verbindung und Kooperation mit anderen Menschen erfuhr der/die einzelne in seiner/ihrer blutsverwandten Sippe. Es war daher nicht nötig, die körperliche Nähe beim Sex in ihrer Bedeutung zu überhöhen.

Genau das wird wohl einer der Gründe gewesen sein, dass erst aus 8.000 v.u.Z. die Darstellung eines sexuellen Aktes zwischen zwei Menschen bekannt ist. Berührend ist für mich die Art und Weise, wie Sex hier dargestellt wird. Es ist keine Hierarchie oder Rollenzuschreibung erkennbar. Noch nicht mal eine klare Geschlechtlichkeit ist den verschlungenen Figuren zuzuweisen. Es wirkt auf mich wie eine sehr gleichrangige, genussvolle, ruhige und zarte Form von Sex. Und auch hier wird in keinster Weise eine Koppelung zu Fortpflanzung vorgenommen. Der sexuelle Akt steht für sich.

Was bedeutet all das für uns heute? Was können wir lernen und mitnehmen aus diesen Erkenntnissen?

Wir können uns fragen, ob es sich nicht lohnen würde, auch heute wieder Sexualität von Partnerschaft zu entkoppeln. Nicht ohne Grund schläft Sexualität zwischen langjährigen Partnern ein. Nicht ohne Grund haben Frauen nach spätestens 5 Jahren keine Lust mehr auf Sex mit ihren Männern und/oder Männer haben keine Lust mehr auf ihre Frauen. Der Mensch ist ursprünglich nicht monogam angelegt. Sex mit Partnerschaft und Liebe zu koppeln, übt großen Druck auf beide Partner aus. Unterschwellig spüren viele, dass sie dem Ideal der lebenslangen (sexuellen) Treue nicht gerecht werden können. Und die Forschung bestätigt, dass diese Form der Sexualität dem Menschen nicht entspricht.
Gerade die weibliche Sexualität kann für beide Geschlechter zu einem Wegweiser für wirklich befriedigende Sexualität werden. Freie, weibliche Sexualität ist lustvoll und zweckfrei. Sie strebt keine Herrschaft an, sondern Genuss und Befriedigung elementarer Bedürfnisse. Dabei bestimmt in der Regel die Frau die Wahl des Sexualpartners über die „female choice“. Die female choice reguliert und beschränkt sowohl die Häufigkeit von Sexualkontakten, als auch die (genetisch) optimale Wahl des Partners. Dadurch bleibt die Populationsdichte im Rahmen und eine optimale genetische Vielfalt ist gewährleistet. Ein Ausbrechen aus dem patriarchalen Muster, dass der Mann die Frau dominant „nimmt“ und bestimmt, macht also Sinn. Es macht ebenso Sinn, dass Frauen aus den patriarchalen Reglementierungen, die ihre Sexualität massiv einschränken, ausbrechen und wieder selbst über ihren Körper und ihre Lust bestimmen und diese nicht von männlichen Bedürfnissen bestimmen lassen.
Wenn Menschen aus patriarchalen und theologischen Reglementierungen der Sexualität ausbrechen und sich wagen, mit den Menschen einvernehmlichen Sex zu haben, wann und mit wem sie gerade wirklich Lust haben, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass gewaltsame Formen von Sexualität abnehmen. Porno und Prostitution sind eine patriarchale Verdrehung von Sexualität, die Gewalt gegen Frauen legitimiert. Gleichzeitig wird über diese Verdrehung auch Männern eine Rolle des ewig potenten, leistungsfähigen „Sexgottes“ zugewiesen, die die Sexualität von Männern pervertiert und degradiert. Es muss allen bewusst werden, dass die vermittelten Bilder von Sexualität aus Porno und Prostitution ausnahmslos ALLEN Geschlechtern schaden.

Entdecken wir den verborgenen Schatz der freien, weiblichen Sexualität wieder, indem wir die patriarchalen Überlagerungen und Zerstörungen durchblicken. Das kann gelingen wenn wir die vorpatriarchale Geschichte der Menschheit wieder erkennen und verstehen.

Über die „Liebe“

Text von Rona Duwe

Kaum ein Begriff ist so überfrachtet wie „Liebe“. Die meisten Lieder, viele Filme, viele Bücher drehen sich um Liebe. Und ganz besonders präsent ist Liebe in der Bibel im Neuen Testament, in dem Gott aus seiner Liebe zu den Menschen seinen einzigen Sohn für die Sünden aller opfert.

Liebe ist das, was uns von klein auf als besonders erstrebenswert vermittelt wird. Was Liebe aber sein soll, ist seltsam unklar umrissen. Liebe sei „ein universelles Prinzip“, sagen manche. Für andere ist es etwas fließendes, für manche ist es Hingabe, für wieder andere Leidenschaft, dann auch eine Entscheidung und eine Tätigkeit oder eben Glück. Für viele definiert es ihre Form des Zusammenlebens, v.a. mit dem anderen Geschlecht, und reguliert Sexualität. Liebe lässt sich also nicht aus sich selbst heraus definieren, sondern nur über andere Gefühle, Handlungen und Haltungen. Allen ist dennoch klar, dass es irgendetwas großes sein soll.

Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass ich mit der Liebe immer irgendwie auf Kriegsfuß stand. Ich hatte wunderschöne Gefühle der Verbundenheit mit anderen Menschen, ich hatte atemberaubende sexuelle Erlebnisse oder sexuelle Anziehung mit anderen, ich hatte Glückserlebnisse durch und mit anderen, ich war oft verliebt und ich hatte langjährige Partnerschaften und Freundschaften. Aber all das war nie von Dauer. Es waren Momentaufnahmen – mal längere, mal kürzere Phasen.

Wenn ich selbst sagte „Ich liebe Dich“, oder wenn jemand anderes das zu mir sagte, war mir im selben Moment die Vergänglichkeit dieses Gefühls oder Zustands bewusst. Ich konnte mich selbst darin nie 100% ernst nehmen, weil ich genau wusste, wie schnell sich das ändert. Ich fühlte mich oft falsch, weil ich das, was mir als die große Liebe von klein auf vermittelt wurde, so nicht für mich als eine dauerhaft bleibende Sache erlebte. In ehrlichen Gesprächen mit anderen bestätigte sich für mich, dass nicht nur ich das so erlebe.

Wenn ich nun mit einer solchen Aussage in eine therapeutische Beratung gehe, wird mir schnell eine Bindungsstörung unterstellt. Wenn ich zum Beispiel außerdem zugebe, dass ich neben meinem derzeitigen Partner immer auch andere Menschen erotisch oder sonstwie anziehend fand und das gern ausgelebt hätte und habe, wird auch das gern als Störung gesehen. Dass all das aber etwas zutiefst Menschliches und sehr Gesundes ist, weiß ich erst, seit ich mit intensiver mit Patriarchatskritik beschäftige. Therapien versuchen an diesem Punkt – ähnlich wie viele Ratgeber – zu vermitteln, dass man sich Liebe erarbeiten muss. Aber, Entschuldigung: Gibt es etwas unerotischeres und lustloseres als Arbeit in Bezug auf menschliche Beziehungen? Ist Liebe eine Leistung? Und ist das alles überhaupt ehrlich?

Hinter dem unklaren Begriff der Liebe stehen eigentlich sehr klare, menschliche Bedürfnisse. Diese sind unter anderem:

Das Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen
Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Kooperation
Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe
Das Bedürfnis nach Sexualität
Das Bedürfnis nach Geborgenheit
Das Bedürfnis nach Zuverlässigkeit
Das Bedürfnis nach Austausch
Das Bedürfnis nach gegenseitiger Unterstützung

Versetzen wir uns nun zurück in die Frühzeit des Menschen, in der alle in matrifokalen (meint mutterzentrierten und blutsverwandten) Sippen lebten. Diese Lebensform lebten wir über ca. 500.000 Jahre – also den überwiegenden Teil unserer Existenz als Menschen. War in dieser Zeit ein Begriff wie Liebe notwendig? Wie lebten die Menschen damals? Wie fühlten sie sich? Wie sah es mit der Erfüllung der elementaren Bedürfnisse des Menschen aus?

Verbundenheit mit anderen Menschen war über die blutsverwandte, matrifokale Sippe konstant gegeben.
Gemeinschaft und Kooperation war eine lebensnotwendige Grundlage des täglichen Zusammenlebens. Eine Vereinzelung wie heute war nicht vorhanden und wäre ein Todesurteil für den einzelnen gewesen.
Körperliche Nähe war täglich möglich durch direkte Verwandtschaftsbeziehungen und eine lange gewachsene Verbindung.
Sexualität wurde frei gelebt zwischen nicht-verwandten Partnern. Sie war entkoppelt von Partnerschaft und Familie. Dabei wählten Frauen (female choice) ihren Sexualpartner und bestimmten die Häufigkeit von Sexualkontakten.
Geborgenheit war selbstverständlich.
Zuverlässigkeit war ebenso selbstverständlich über die blutsverwandten Sippenmitglieder gegeben. In der Sippe trugen alle dazu bei, dass der einzelne gut versorgt war.
Austausch war über blutsverwandte Sippenmitglieder möglich. Ebenso aber auch über sich von außen der Sippe zugesellenden, nicht-blutsverwandte Männer.
Gegenseitige Unterstützung war lebensnotwendig (siehe oben).

Es ist also davon auszugehen, dass die überlebenswichtigen, menschlichen Bedürfnisse, die wir heute mit Liebe koppeln, während der überwiegenden Zeit der Menschheitsgeschichte mehr als ausreichend erfüllt wurden.

Eine Vereinzelung konnten sich die Menschen nicht leisten. Es war ebenso nicht leistbar, Kinder nur mit einem Paar aus Frau und Mann in Form einer wirtschaftlich auf sich gestellten Kleinfamilie groß werden zu lassen. Außerdem war es nicht erstrebenswert und nötig, Sexualität dauerhaft auf ein Einzelpaar zu beschränken. Eine überlebensnotwendige genetische Vielfalt war über wechselnde Sexualpartner eher gegeben. Ebenso war eine größere Kinderzahl für die einzelne Frau riskant. Da Frauen zu diesem Zeitpunkt lange stillten, bekamen sie im Abstand von ca. 4 Jahren Kinder und maximal ca. 4. Dass Sex zu Schwangerschaft führte, wurde erst am Übergang zum Neolithikum deutlich, als die Menschen sesshaft wurden und Männer begannen, Tiere zu züchten. Die Vaterschaft hatte also keine Bedeutung. Gleichwohl hatten Kinder viel Kontakt zu Männern und Männer viel Kontakt zu den ihnen blutsverwandten Kindern.

Liebe ist also ein Begriff und Konstrukt, das in dieser isolierten Form erst zu einem viel späteren Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte Einzug hielt. Erst mit dem Einzug des Patriarchats wurde es notwendig, Liebe als etwas heiliges, erstrebenswertes zu etablieren. Besonders präsent ist dieser Begriff wie gesagt in der Bibel. Aber auch andere theologische Ideologien halten die Liebe hoch.

Liebe als isolierter und überhöhter Wert und Begriff wird erst notwendig durch die Vereinzelung des Menschen. Dabei wird Liebe gleichzeitig benutzt, um patriarchale Muster des Zusammenlebens ideologisch festzuzurren.

Das theologisch geforderte, möglichst lebenslange Paar („bis dass der Tod Euch scheidet“), in dem der Vater die Führungsrolle inne hat und in dem Sexualität streng reglementiert und tabuisiert wird, tritt an die Stelle der mutterzentrierten Groß-Sippe. Damit ist für den Mann u.a. auch eine Kontrolle über die Sexualität seiner Frau gegeben, damit sie ihm nur seine Kinder „schenkt“. Eine biblische Vorschrift ist unter anderem: „Seid fruchtbar und mehret Euch“. Warum? Zahlreiche v.a. männliche Nachkommen sichern väterlichen Machterhalt. Daher bekommen Frauen im Patriarchat oft viel mehr Kinder als ihr Körper stemmen kann und ihr Körper wird auf die Funktion als fruchtbares Gefäß reduziert. Daher auch ist Verhütung oder gar Abtreibung nach wie vor kirchlich verpönt. An die Stelle der female choice, tritt eine männerdominierte Sexualität, die allzeitige Verfügbarkeit über den Frauenkörper verlangt. Gleichzeitig ist die Versorgung des Nachwuchses wirtschaftlich und kräftemäßig immer überfordernd, weil das Lebenskonzept der Kleinfamilie defizitär ist. Das bekommen wiederum insbesondere die Mütter zu spüren, die – isoliert von familiärer oder gesellschaftlicher Unterstützung – das Projekt Familie und Care-Arbeit größtenteils allein zu stemmen haben. Daneben wird dem (Liebes-)Paar viel zu viel aufgebürdet. Möglichst alle menschlichen Bedürfnisse der Verbundenheit sollen lebenslang von einem einzigen Partner in Form der großen Liebe erfüllt werden. Das ist nicht leistbar. Wenn das deutlich wird und zum Beispiel eine Trennung droht, wird das mit Schuld beladen und als persönliches Scheitern empfunden.

Lebensnotwendige menschliche Grundbedürfnisse in den Begriff Liebe zu verpacken, wird also erst wichtig zu einem Zeitpunkt, an dem die menschlichen Grundbedürfnisse nicht mehr ausreichend erfüllt sind.

Theologische Ideologien tun viel dazu, dass Liebe als etwas heiliges und großes vermittelt wird. Gleichzeitig ist die Erfüllung des Liebeswunsches aber immer an Bedingungen geknüpft, die den Menschen in seiner Entfaltung beschneiden und die Erfüllung des Wunsches immer wieder in die Unerreichbarkeit verschieben. Gern wird die Erfüllung und Erlösung sogar ins Jenseits verlagert. Dadurch wird der Mensch lenkbar. Er wird auf Glaube, Hoffnung und Liebe vertröstet, statt ihm im Jetzt reale und greifbare optimale Bedingungen zu erlauben und zu ermöglichen. Das Jetzt darf garstig und leidvoll sein, wenn im Jenseits die Erlösung wartet. Der Mensch rennt also sein Leben lang hinter der Möhre der Liebe her, aber erreicht sie nie wirklich und schon gar nicht dauerhaft. Für seine Verfehlungen, die durch unzureichend erfüllte Bedürfnisse entstehen (z.B. sexuell), muss er dann wieder büßen.

Auf der Suche nach der großen Liebe landen Menschen in destruktiven Beziehungen, lassen sich ihren Verstand einlullen, führen im Namen der göttlichen Liebe Kriege, halten über Jahre längst tote Verbindungen aufrecht, opfern sich auf, verausgaben sich, verraten sich. Natürlich werden auch sehr positive und kreative Leistungen im Namen der Liebe erbracht. Aber es liegt in der Natur des Menschen, kreativ und schöpferisch zu sein, mitfühlend zu sein, sich um andere zu kümmern und zu kooperieren. Dazu braucht es den Begriff der Liebe nicht. Eine Vorschrift der „Nächstenliebe“ wird erst notwendig zu einem Zeitpunkt, an dem der Mensch seine natürliche Empathie wegen ungünstiger Bedingungen beschränken musste und nun die Erfüllung seiner Bedürfnisse gewaltsam erkämpfen muss.

Wenn Menschen sich entscheiden, eine Zeit ihres Lebens gemeinsam zu verbringen, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam für Kinder zu sorgen, ist dagegen in meinen Augen nichts einzuwenden. Unser patriarchales Gesellschaftssystem erzwingt das ja geradezu. Aber es sollte dann auch einfach so benannt werden, wie es ist: Man mag sich, man braucht sich, man entscheidet sich füreinander, man schließt einen Vertrag, man spart Steuern. Dazu braucht es keinen Begriff der „heiligen Liebe“. Ähnliches gilt dafür, wenn Menschen sich für einen exklusiven Sexualpartner entscheiden. Es ist aber ebenso wenig verwerflich, wenn Menschen ihre Sexualität mit mehreren Partnern offen ausleben oder ihre Kinder allein oder in anderen kooperativen Lebenskonzepten groß werden lassen.

Die Natur ist vielfältig. Sie braucht kein Dogma der Liebe. Im Gegenteil glaube ich, wenn wir das Dogma der Liebe loslassen lernen und offener/ehrlicher über unsere echten Bedürfnisse sprechen und für diese eintreten, geht es allen besser. Was wir als Liebe gelernt haben, ist ein Ersatzkonstrukt für menschliche Bedürfnisse. Nicht mehr und nicht weniger.