Sprengstofftext

von Rona Duwe

Die Erfindung von Vaterschaft

Es müsste endlich mal bis auf höchste Ebene durchsickern, dass eines unserer größten rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Probleme die Erfindung von Vaterschaft ist.

Vaterschaft ist als Institution und Rolle in der Natur nicht vorgesehen. Über das Sperma ist ein Mann zwar indirekt eingebunden in die Entstehung neuen Lebens. Er zeugt das Leben aber nicht. Die Zeugung von Leben über den Vater ist ein Mythos. Den Hauptteil der Arbeit bei der Entstehung eines Kindes übernimmt die Eizelle und später der mütterliche Körper. Auch nach der Geburt leistet der Mutterkörper den überwiegenden Teil der Arbeit, um ein Kind am Leben zu erhalten. Trotz aller Gleichberechtigungsbestrebungen gibt es also rein körperlich schon keine Gleichstellung, wenn es ums Thema Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Stillen geht. Realistisch gesehen trägt sich das auch weiter fort, denn nach wie vor übernehmen Mütter – selbst wenn sie lohnarbeiten – den überwiegenden Anteil der Carearbeit.

Warum werden also dem Geschlecht, das körperlich gerade mal 1% zur Entstehung von Leben beiträgt, so viele Rechte am Kind zugestanden?

Warum führen wir den Mythos fort, ein Kind brauche einen Vater?

Auch das ist ein Mythos, den die überwiegend frauenfeindliche Psychologie seit Freud pflegt und hochhält.

Warum beteiligt die Natur den Mann mit nur 1% an seiner „Vaterschaft“?

Wie entsteht aus diesen 1% die Aussage, das Kind brauche „seinen biologischen“ Vater?

Die Biologie sagt, real hat der Mann einen verschwindend geringen Anteil, mit dem er aber plötzlich behauptet, er sei biologisch/soziologisch furchtbar wichtig für das Kind.

Spoiler: Ist er nicht.

Ein Kind entwickelt sich ohne Vater prächtig im Bauch der Mutter.
Ein Kind wird nicht vom Vater geboren.
Ein Kind wird überwiegend nicht vom Vater ernährt nach der Geburt.

ABER: Ein Kind braucht Zuwendung, Schutz, Pflege, Unterstützung von vielen Menschen – Männern und Frauen, die dem Kind zugewandt sind, sich für es verantwortlich fühlen, seine Bedürfnisse achten und befriedigen, für sein Überleben sorgen. Die dem Kind Menschlichkeit und das Bestehen in dieser Welt vorleben. Ja. Dazu werden tatsächlich auch Männer gebraucht. Von der Frühgeschichte des Menschen an. Von der Frühzeit des Menschen an werden Männer auch gebraucht, um die Frauen und Mütter zu unterstützen, um beim Schutz und dem Auskommen der Sippe zu helfen, um einen Rahmen zu schaffen, in dem das (neue) Leben überlebt und gut versorgt ist.

Für all das braucht es den Begriff, die Rolle und den Mythos „Vater“ nicht. Ein Mann muss nicht wissen, welches seine Kinder sind, um sich für Kinder mitverantwortlich zu fühlen. Das soziologische Band entstand ursprünglich aus Blutsverwandtschaft. Männer blieben in ihrer Muttersippe und versorgten daher verwandte Kinder mit. Aber natürlich schlossen sie sich auch nicht-verwandten Sippen für eine gewisse Zeit an und die Frauen dieser Sippe vergnügten sich u.a. sexuell mit ihnen. Oder Frauen begaben sich auf Reisen aus ihren Sippen heraus, um nichtverwandten Männern zu begegnen. Dennoch war auch hier nie wirklich nachweisbar, wer Vater von wem ist. Es war auch schlicht nicht klar, dass Sex eine Schwangerschaft erzeugen kann (übrigens biologisch ganz real ist nur nach sehr wenigen sexuellen Begegnungen eine Schwangerschaft die Folge. Sex wird überwiegend aus Spaß und Lust betrieben). Es herrschte die Überzeugung, dass Frauen aseitätisch schwanger werden (also eigenmächtig mit Hilfe der Natur).

Kinder binden sich wiederum an Menschen – Männer und Frauen -, die sich um das Kind kümmern, die es versorgen, mit ihm spielen und Zeit verbringen, die ihm etwas beibringen und zeigen, die sich ihm grundsätzlich zuwenden. Diese Bindung ist überwiegend unabhängig von tatsächlicher Blutsverwandtschaft, wobei die Bindung zur Mutter naturgegeben normalerweise besonders eng ist, weil ein Kind mit dem mütterlichen Körper auf ein vielfaches verwoben ist. Optimalerweise hat ein Kind viele Menschen, die ihm zugewandt sind. Optimalerweise hat auch eine Mutter viele Menschen um sich, die sie unterstützen mit dem Kind. Menschen können auf sich allein gestellt kaum überleben. Menschen und Menschenkinder brauchen andere Menschen. Männer und Frauen.

Vaterschaft an sich bringt keine Vorteile für den Fortbestand von Leben. Es mag sein, dass sich ein Mann anders zuständig fühlt für ein Kind, wenn es ihm als „sein Kind“ vermittelt wird. Gleichzeitig entwickelt sich dadurch aber auch ein Besitz- und Herrschaftsanspruch, dessen negative Auswirkungen wir heute überall beobachten können. Vaterschaft ist nämlich – im Gegensatz zu Mutterschaft – keine gesicherte Größe. Vaterschaft ist per se instabil. Ein Mann braucht eine Frau und einen Mutterkörper, um Vater zu werden. Eine Frau braucht einen Becher Sperma, um Mutter zu werden. Selbst wenn ein Mann mit einer Frau Sex hat und diese ein Kind bekommt, weiß er ohne Vaterschaftstest nie sicher, dass es „sein Kind“ ist. Genau aus diesen Gründen muss Vaterschaft rigoros und nicht selten gewaltvoll gesichert werden über die Aneignung eines Frauenkörpers. Mit Natur, auf die sich da gern berufen wird, hat das herzlich wenig zu tun. Natur ist an Leben interessiert. Für Leben braucht es keine Vaterschaft und Vaterschaft ist per se nicht natürlich.

Vaterschaft und väterlicher Herrschafts- und Besitzanspruch ist aber wiederum die Ursache vieler Probleme. Eben weil Vaterschaft so angreifbar und eben nicht natürlich ist. Gewalt, Kriege, Kapitalismus, Theologie und theologischer Extremismus, Rechtsradikalismus, Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Femizide, jahrzehntelange Umgangs-Gerichtsverfahren nach Trennungen uvm. lassen sich auf die Ideologie der Vaterschaft zurückführen.

Dabei ist es stinknormal, richtig und natürlich, dass Frauen viele Sexualpartner haben, Kinder von verschiedenen Männern bekommen, Partner wechseln und selbst entscheiden, ob sie überhaupt Kinder bekommen. Die Investition einer Mutter in ein Kind ist um ein vielfaches höher, als die Investition eines Vaters. Von daher ist es wichtig und natürlich, dass sie allein über ihren Körper entscheidet.

Umgekehrt leiden Kinder nicht automatisch, wenn ihr „biologischer Vater“ nicht da ist, aber leiden, wenn sie wichtige Bezugspersonen, die sich um das Kind aufrichtig gekümmert haben, verlieren.

Natürlich leiden Kinder auch unter Stigmen und Mythen. Wenn einem Kind die ganze Zeit vermittelt wird, dass seine Familie nicht richtig oder vollständig ist, weil der „echte“ Vater fehlt, leiden sie. Wenn von frühester Kindheit an bestimmte Familien- und Lebensformen als „normal“ vermittelt werden und angeblich alle das so leben und das daher angeblich richtig sei, leiden Kinder unter dem Nicht-richtig-sein. Das bedeutet aber wiederum nicht, dass unsere aktuelle Norm zwangsläufig richtig und natürlich ist.

Die aktuelle Entwicklung Richtung Radikalisierung ist sehr eng verknüpft mit unserem Männlichkeits- und Vatermythos. Dieser soll laut vieler Extremisten wieder etabliert werden, auch wenn er nie ernsthaft abgeschafft wurde. Durch die Erstarkung der Frauen und Mütter schwankt er. Ja. Aber er ist immer noch sehr mächtig. Aus dieser Perspektive erschließt sich auch, warum Frauenrechte derzeit wieder massiv angegriffen und ausgehöhlt werden. Und damit auch Menschenrechte und Rechte marginalisierter Gruppen.

Ein Vater ist per se nicht am Leben und Wohlergehen aller interessiert, sondern an seiner Macht und seinem Einfluss. Daher muss der Vatermythos gestürzt werden.

 

 

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