« Weiss-Rot-Schwarz » Matrifokale Wurzeln im europäischen Märchen

Text von Susan-Barbara Elbe

Gesammelt, aufgeschrieben, an die jeweilige Epoche angepasst, ob von Perrault, den Gebrüdern Grimm oder Afanasjew, um nur diese zu nennen, kommen die Märchen aus einer langen Erzähltradition zu uns und zeugen somit von einem jahrtausendalten Leben im Wandel ! Es führt uns unter anderem in eine viel ältere Gesellschaftsform als die, die wir heute mit dem Patriarchat kennen. Eine Fülle von Hinweisen und Bildern begegnet uns. Sie rufen geradezu erkannt und gedeutet zu werden !

Gleichzeitig ist es kein Leichtes in eine „Rück-Führung“ zu gehen ohne von den uns heute so beliebten Projektionen Gebrauch zu machen indem wir in die Psycho-Schublade greifen! Dieses ist hier nicht mein Anliegen; ist es doch zusätzlich konditioniert von patriarchaler Denke und als solches unbrauchbar; außer wenn es um’s Aufdecken der krankhaften Verdrehungen geht.

Eine Märchenerzählerin hat mir vor über zwanzig Jahren den roten Wollknäuel zugeworfen! Als ich anfing diesen ein wenig aufzurollen, entdeckte ich zu meiner Verwunderung und größtem Erstaunen, dass ich ein Geschichtsbuch vor Augen hatte ! Das ist es auch was mich heute nach wie vor fasziniert und beschäftigt und vielleicht kann ich den roten Faden an Euch LeserInnen weiterreichen … « Weiss wie Schnee, Rot wie Blut, Schwarz wie Ebenholz» diese drei Mutterfarben… uns allen doch so bekannt, so vertraut !

Spirale
Spirale in den Mutterfarben von Siglinde Maul

« Es War Einmal »

In allen Märchen, in denen die geschwisterliche Liebe stärker und wichtiger ist als der zukünftige Bräutigam oder sogar das eigene Leben, wie wir es z.B. in „Brüderchen und Schwesterchen“ oder « Die Sieben Raben » lesen können, haben wir es ganz eindeutig mit der Erinnerung an eine matrifokale Sozialordnung zu tun. Nur die Blutsverwandtschaft, die mütterliche Gruppe, bedeutete Verbundenheit, Geborgenheit, Sicherheit und Stabilität.

Und warum ist dann die Stiefmutter immer böse?

Als Nachfolgerin einer verstorbenen Ehefrau, (mittlerweile sind wir schon im richtigen Patriarchat und der Mann-Frau-Ehe angekommen) musste sie ab jetzt dem neuen Mann und dessen Kindern dienen. Dieses zu bewerkstelligen und dabei die eigenen, im Märchen immer Töchter, durchzubringen, hat wohl zu ihrer Verunglimpfung geführt, waren sie doch gezwungen mitunter zu unlauteren Mitteln zu greifen um ihre Nachfolge zu sichern. Hier ist bestens zu erkennen, wie unsägliches Leiden unter Männerherrschaft entstehen musste !

In der Darstellung und der Beschreibung alter Hexen, immer böse und hässlich mit einer Warze auf der Hakennase, erkenne ich ein Relikt aus der Steinzeit, die des Geiervogels und/oder der Eulenmutter ; der Schnabel wird zur Nase und aus den Atemlöchern eine oder zwei Warzen. Vögel der Nacht, Vögel als Metapher vom « Leben in Tod in Leben WandlerInnen ».

An den Frosch und/oder die Kröte muss ich denken, welche laut Marijam Gimbutas ein Fruchtbarkeitssymbol unserer AhnInnen war ; eine uralte Vorstellung von Selbstbefruchtung. Im „Dornröschen“ erfährt die Königin im Teich badend vom Frosch, dass sie innerhalb eines Jahres ein Kind zur Welt bringen wird ; ein Mädchen !

Tiere haben im Märchen eine überaus wichtige Rolle inne. Die Erzählung vom Natternkrönlein ist ein gutes Beispiel. Auch wenn es mir hier nicht um das Thema der Tiere im Märchen geht, zeigt uns doch diese Überlieferung in aller Klarheit wie fruchtbar ihre Präsenz bei den Menschen war und welch Unglück über diese schliesslich hereinbrach, als sie die Natter töteten. Symbolisierte doch besonders die Schlange zu Zeiten der Häutung Erneuerung und erinnerte gleichzeitig an die Nabelschnur durch die das Leben von der Mutter zum Kind pulsiert.

Nun haben all diese Tiere im ursprünglichen Sinne aber Eines gemeinsam; mit ihnen wurde gelebt, ihre Besonderheiten konnten beobachtet werden, von und mit ihnen wurde gelernt und der Rhythmus des Lebendigen wahrgenommen. Sie waren keine Projektionsflächen menschlicher Besonderheiten und Moralvorstellungen wie wir sie aus den Tierfabeln Äsop’s oder später von La Fontaine kennen.

Es ist mir immer wieder ein Anliegen aufzuzeigen, dass es da im Märchen diese wundersamen Überreste gibt die es zu enträtseln, zu erkennen gilt. Spuren aus einer Zeit als das Leben noch um die mütterliche Weisheit organisiert war.

Da wäre das Rumpelstilzchen mit seinem geklauten Hebammenspruch. Welch magische Beschwörungsformel : « Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol‘ ich der Königin ihr Kind »! Für die zukünftige Mutter wurde mit Brot und stärkendem Bier gesorgt bevor das Kind geboren und manchmal auch mit Hilfe der Heb-Amme geholt wurde !

Bei der Rotkäppchen-Version von Perrault, (er lebte und schrieb zeitlich vor den Gebrüdern Grimm) welcher am französischen Königshof mit seinen Erzählungen für moralisches Verhalten sorgen wollte, frisst der Wolf das Rotkäppchen … aus basta! Vom Weg abkommen war den Frauen, jung oder alt, nunmal nicht erlaubt. Die Grimmschen Brüder, in der Zeit der deutschen Romantik, haben den Jäger als Retter eingeführt. Er begegnet uns in vielen Erzählungen und Dichtungen und ist der grüne Superheld dieser Zeit! Für mich aber ist und bleibt dieses Märchen schlicht und einfach die Erzählung von einem Mädchen welche auf dem Weg zu ihrem Frausein ist ! Eingebunden in die mütterliche Linie führen ihre ersten Schritte aus der Geborgenheit in die Wildnis und wieder hinaus in den Bereich der Weisen Alten, nämlich zur Großmutter!

Leider ist fast alles, so auch im Märchen, dem patriarchalen Lebens-Modell zum Opfer gefallen. Gold als Sonnensymbol übertrumpft nun das Silber des Mondes ; sehr treffend ist dies im Dornröschen zu erkennen, wenn für zwölf Feen ein goldenes Gedeck vorhanden ist und die dreizehnte Fee, die Lunare, zusehen muss wo sie bleibt, weil die alten Silberteller entsorgt wurden! Das Zeugnis eines alten Streites über Kalenderhoheit?

Auch das schwarze Pech bringt nur mehr Unglück, Pech eben. Dabei war die Pech-Gewinnung eine große Errungenschaft unserer AhnInnen der Steinzeit um ihre Boote zu kalfatern, zu pechen.

« Tag und Nacht », « Oben und Unten » wurden auf einmal verdammt, sich in einer „Gut und Böse“ Polarität aufzuhalten, obwohl das eigentliche Paradies im Märchen nicht im Himmel sondern in der unteren Welt, den Höhlen, zu finden ist, im Ur-Grund des mütterlichen Geborgen-seins … die Holler-Mutter lässt grüssen.

Trotz alledem blinzelt uns noch in vielen Märchen und Mythen die alte Mutterweisheit und kraftvoller Mutterwitz zu, begegnet uns mütterlicher Mut, Schutz und überlebenswichtige Intuition! Gänsemagd und Aschenputtel, die drei Spinnerinnen oder die kluge Bauerntochter, alle lassen uns ahnen, dass es eine heilige Zeit gab, in der die Mutter noch als Zentrum für Leben galt !

 

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