Female Choice

Abgeschnitten von der Female Choice

Cornwall
Lochstein in Cornwall

Ursprünglich und natürlicherweise leben Menschen in Sippen, in denen Mütter nicht isoliert allzuständig für ihre Kinder sind, sondern in denen ganz (bio)logisch alle am guten, wohlversorgten Leben aller interessiert sind. Das bedeutet Schutz, Fülle und optimal verteilte Aufgaben. Es bleibt Zeit für Spiel, Kunst, Bobachtung der Zyklen des Kosmos und natürlich auch für Sexualität. Diese findet sich losgelöst vom Versorgungsverband. Das ist nicht nur praktisch, weil Inzest vermieden wird. Es enthebt auch die Sexualität jeder Verflechtung mit Verpflichtung und Abhängigkeit. Und Sexualität folgt der Wahl der Frau. Natürlicherweise. *)

Nun betrachten wir das Konstrukt, in das wir hineingewachsen sind, in das auch unsere Kinder noch hineinwachsen: Noch immer gilt die monogame Paarbeziehung mit gemeinsamen Kindern als Standard und wird in Filmen und Liedern als Ideal gezeigt.

Die junge Frau verlässt also ihre Ursprungsfamilie (in der sie auch keine versorgende Sippe hatte) und ist somit, was Versorgung der Kinder angeht (ich rede nicht nur von Geld) in einer Verflechtung mit ihrem einmal gewählten Sexualpartner gefangen. Da sie biologisch nicht darauf eingestellt war, diesen lebenslänglich zu behalten, war die Wahl oftmals nicht geeignet, was das Begleiten von Kindern angeht, und sie findet sich in einer double bind Situation wieder: Sie fühlt, dass das, was stets als normal suggeriert wurde, nicht normal im Sinne von natürlich ist. Sie lebt mit ihren Kindern in einer nicht artgerechten Umgebung. Der Mann auch, nur dem fällt es meist nicht so auf.

Auch ohne Kinder und/oder ohne festen Partner erfährt sie diese Diskrepanz: Female choice trägt nämlich immer noch den Schlampenstempel. (Im Gegensatz dazu sind Frauenkörper jedoch gegen kleines Geld zu benutzen – von Porno bis zu legalisierter Mißhandlung.)

Auch „offene Beziehungen“ oder Polyamorie helfen hier nicht weiter: Dadurch wird nur die Organisation der Kinderversorgung noch schwieriger. Es ist eben keine Sippe da, die selbstverständlich Care Arbeit leistet. So kommt es meist zu serieller Monogamie und Patchworkfamilien bei extremer Überlastung der Mütter, wobei mittlerweile oft die Trennung von der Frau ausgeht (lange war dies aus materiellen Gründen ja gar nicht möglich). Männer lösen Paarbeziehungen eher ungerne: Bei freier female choice hätte es ihnen auch passieren können, dass nur eine Frau sie „wählt“ (oder auch gar keine). Die Frau hingegen fühlt, dass Natur anders geht, dass sie beschränkt und unsicher, was ihre Position und die ihrer Kinder angeht, lebt. Zu eng ist in unseren Köpfen auch noch Sexualität mit Versorgung, Sicherheit verbunden und wird somit im Austausch dafür als Mittel eingesetzt: Andere Sexualpartnerinnen lösen Verunsicherung aus, denn der Mann übernimmt selten losgelöst von Sexualität / Paarbindung die Sicherung der Kinder. Ein Ehe-/Lebens-/Sexualpartner kann nicht eine ganze Muttersippe ersetzen, auch wenn Romantik in vielerlei Verbrämung uns das vorgaukeln will. Hier steht nicht die Mutter im Zentrum, die natürliche Ordnung ist ganz zerfallen.

Was können Frauen tun, die, den patriarchalen Mustern, in denen sie aufgewachsen sind folgend, eine isolierte Kleinfamilie gegründet haben? Im besten Fall können sie als Familie erkennen, in was für einem ungeeigneten Umfeld sie leben und das Beste daraus machen, indem sie geschickt und kreativ dem Patriarchat ein Schnippchen schlagen und ein möglichst gutes Leben führen, ohne sich an die üblichen Zwänge gebunden zu fühlen

(Kind möglichst schnell in die Krippe, Frauen und Männer in die gleiche Karrieretretmühle, 
Schulsystem, theologische und „moralische“ Werte und Bewertungen, Sprache, …). Female choice ist auch in diesem Modell fast unmöglich, da das Gefühl der persönlichen Entwertung durch die Wahl anderer Sexualpartner so verfestigt ist und weil eben die Versorgung in keiner Weise außerhalb der Paarbeziehung gewährleistet ist.

Wir bräuchten also wieder Sippen, Gemeinschaften, in denen Care Arbeit freiwillig, gemeinsam, in Wertschätzung getragen wird. Dazu ein Wiedergewinnen der sexuellen Leichtigkeit, ein Lösen aus der Verbindung mit Macht, Gebrauch, Zwang, dem Gedanken, Menschen besitzen zu können. Für kommende Generationen hoffe ich auf eine allmähliche Entwicklung dorthin, da das Patriarchat sich, je „effektiver“ es wird, immer mehr ad absurdum führt. Eine schnelle Lösung gibt es nicht, da wir alle in diese Gesellschaftsform eingebunden und von ihr geprägt sind. Was jede tun kann, ist immer mehr Information über historische und biologische Zusammenhänge aufzunehmen und weiterzugeben und so viele matrifokale Elemente in das eigene Leben wie möglich zu übernehmen.

*) eine freie, selbstbestimmte und natürlicherweise wechselnde Sexualität der Frau (…), um eine hohe genetische Variabilität innerhalb der Spezies Mensch sicher zu stellen

Text von Steffanie Müller

 

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